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Auf dem Seil über dem Abgrund

Rudi Ballreich

Zirkuspädagogik als Abenteuererlebnis

Wenn man als Pädagoge Kinderzirkus betreibt, dann taucht immer wieder die Frage auf: Warum? Was hat das für einen Sinn? Wäre es nicht viel sinnvoller, mit den Schülern anderes zu tun, z. B. zu musizieren, Bergsteigen zu gehen oder Lager zu veranstalten usw. Warum gerade Zirkus? Warum Akrobatik, Jonglage und andere Balance-Übungen?

Äußerer Reichtum - innere Armut

Feuerspucken

Geht man durch die Stadt, begegnen einem an vielen Orten Zeichen von Gewaltanwendung: zerschlagene Scheiben, kaputte Telefonzellen, demolierte öffentliche Einrichtungen usw. Und es vergeht kein Tag, wo nicht irgendetwas über Jugendkriminalität in der Zeitung steht; manchmal längere Berichte, manchmal nur kurze Hinweise. Man kann sich die Frage stellen, warum so viele Jugendliche heute kriminell werden oder Straftaten begehen. Wenn sich früher Kinder in der Schule prügelten, schien eine unsichtbare Hemmschwelle vorhanden: Wenn einer am Boden lag, hat man aufgehört. Heute ist es üblich, daß weiter getreten wird, immer weiter und weiter Selbst wenn der Geschlagene sich krümmt und schreit, gibt es keinen Pardon. Woran liegt es, daß heute bei den Jugendlichen, bei den Kindern ein solch hohes Aggressivitätspotential vorhanden ist, das vor nichts Halt zu machen scheint? Diese Frage sehe ich unmittelbar in Zusammenhang mit dem, was Kinderzirkus will. Denn eines ist deutlich: Diese Gewaltphänomene sind ein Zeichen dafür, daß die heutigen Jugendlichen aus einem inneren Drang heraus etwas suchen.

Obwohl wir in einer äußerlich reichen Gesellschaft leben, kann man sich fragen, welche Bewegungsfreiräume Kinder haben, die heute in einer Stadt aufwachsen. Wieviele Möglichkeiten haben sie im Laufe ihres Heranwachsens, durch Bewegung sich selber zu erleben und die Welt zu erforschen? Können sie in genügendem Maße durch spielerische Bewegungen Erfahrungen machen und dabei Selbstbestätigung finden?

Einradüben

Im Gegensatz zum materiellen Reichtum sind diese Kinder, mit früher verglichen, sehr arm dran - wenn man bedenkt, wie die meisten Kinder von morgens bis mittags auf ihren Schulbänken sitzen, dann zuhause wieder über ihren Hausaufgaben brüten, und den Rest des Tages hängen sie vielleicht noch vor dem Fernseher. Was wird aus dem, was in den Kindern an Kraft und Lebendigkeit, an Bewegungsdrang und Impulsivität lebt, was wird aus diesem Wunsch nach Welterfahrung, der in jedem Kind mehr oder weniger stark lebt? Wenn man versucht, sich in diese bewegungsarme Lebensweise einzufühlen, dann bemerkt man, daß da fortwährend etwas zurückgehalten wird. Der natürliche Bewegungsdrang kann sich nicht in der Bewegung befreien; er wird fortwährend nach innen gestaut, so daß die Freude an der Bewegung erst gar nicht entsteht. Die Folge davon ist, daß sie sich so lange zusammenballt, bis ein vielleicht unbedeutender Anlaß zu unkontrollierten Entladungen führt. Dann kommt es nicht zu einer »normalen« Befreiung dieser Kräfte, sondern zu Explosionen und Abläufen, die nicht mehr angehalten werden können, wenn man z. B. am Schlagen und Stauchen ist. Kurz: Äußerer Reichtum umgibt die Kinder und Jugendlichen, aber sie selbst erleiden eine unendliche Bewegungsarmut, die sich dann in unkontrollierten aggressiven Handlungen entlädt.

Ein zweites: Man muß sich die familiäre Situation verdeutlichen, in der viele Kinder heute aufwachsen. Zerrüttete oder halbe Familien, meistens ohne Vater, Familien, in denen die Beziehungen nicht stimmen - entweder durch Streitereien oder durch Beziehungslosigkeit - in denen keine Menschen da sind, die sich um die Kinder wirklich kümmern, sind fast schon die Regel.

Rambert in Oslo

Die Kinder werden vielfach sich selbst überlassen und leben in der fortwährenden Sehnsucht, es sollte doch jemand da sein, der sich um sie kümmert. Als Lehrer kennt man das sehr gut, besonders in den ersten Klassen. Da gibt es Kinder, bei denen man das Gefühl hat, daß man sie die ganze Zeit in den Arm nehmen müßte; Kinder, die in die Klasse kommen und ein herzergreifendes Bedürfnis nach Nähe, Kontakt und Zuwendung haben und dies auch häufig durch körperliche Kontaktsuche zeigen. Dann gibt es aber auch solche Kinder, die dieses Bedürfnis nicht ausdrücken können und die es dann anders machen: Sie benehmen sich so auffällig, daß der Lehrer sich ständig um sie kümmern muß. Auch sie bekommen Zuwendung, wenn auch auf etwas indirekte Weise. Für die Lehrer ist es meistens nicht einfach, solchen Kindern das Gefühl zu vermitteln, »Ich bin für dich da«. Oft wird der Störenfried aufgefordert, seinen Mund zu halten, oder er fliegt raus. Dann ist er draußen und erhält abermals bestätigt, daß sich niemand um ihn kümmern will. Diese Frustrationen schlagen dann nicht selten in Wut um, in der sich die Enttäuschung Platz macht. Zusammenfassend kann auch hier gesagt werden: Äußerer Reichtum steht einer unendlichen inneren Armut in den Beziehungen gegenüber, die in Frustration und Wut umschlagen kann.

Auf einen dritten Aspekt soll noch hingewiesen werden. In der Pubertät wünschen sich Kinder nichts sehnlicher, als etwas zu erleben. Sie wollen reisen, sie wollen von fremden Ländern hören, von Abenteuern; sie lesen Abenteuerromane und schauen sich begierig die Abenteuerfilme an. Das Bedürfnis nach echten und aufregenden Erlebnissen ist sehr deutlich. Aber wie wird es heute befriedigt? Ich hatte das Glück, auf dem Land aufzuwachsen. Wir Kinder erlebten die Natur, den Wald, den Fluß und den See als ein einziges Abenteuer; wir spielten Indianer, bauten Flöße usw. Stadtkinder haben wenig Möglichkeiten, solche Abenteuer zu erleben. Dort gibt es zwar manchmal Abenteuerspielplätze, aber das ist nur ein schwacher Ersatz. Dort gibt es keine Flüsse, über die Baumstämme gelegt werden können zum Hinüberbalancieren, wobei die einzige Gefahr darin bestünde, hineinzufallen und naß zu werden. Ich erlebte als Kind im Spiel echte Gefahren, bei denen ich wirklich das Gefühl hatte, daß es brenzlig ist; wo ich eine Gänsehaut oder Angst bekam und manchmal zurückschreckte und mich nicht traute. Alle diese Gefühle der Angst und ihrer Überwindung durchzumachen, es trotz der Angst zu wagen, das war sehr wichtig für die eigene Entwicklung.

Pyramide

Viele Kinder erleben heute solche Abenteuer nur vor dem Fernseher. Es werden Scheinabenteuer erlebt, aber es wird nicht die eigene Angst in einer konkreten Situation gespürt. Es wird die Angst des Fernsehhelden mitempfunden. Er überwindet die Angst und wird zum Helden, nicht das Kind. Also wiederum der Reichtum der Zivilisation einerseits und die Armut an echten Erlebnissen andererseits. Wer als Kind nicht gelernt hat, in vielen natürlichen Situationen die Angst zu überwinden, Nervenkitzel in den richtigen Dosierungen zu erleben, der wird als Jugendlicher schneller dazu neigen, sich in gewalttätigen Jugendbanden, im Musik- und Drogenkonsum, in gefährlichen Extremsportarten usw. Erlebniswelten zu erschließen..

Der vierte Aspekt ist ein umfassender. Er bezieht sich auf die tiefe seelische Verunsicherung der Kinder und auch der Erwachsenen; auf die Unsicherheit, was die Zukunft bringen wird. Gibt es überhaupt eine berufliche Zukunft für mich? Wird uns die Natur überhaupt noch eine lebenswerte Umwelt bieten? Werde ich auch Krebs oder AIDS bekommen? Wie lange lebe ich? - Lauert nicht im Grunde unserer Seele die Angst vor der Zukunft? Wie schnell sind wir aus dem Gleichgewicht zu bringen!

Wiederum: Äußerer Reichtum, aber im Innern ist Leere, dort sind Abgründe und Ängste, da ist nichts, was hält und trägt. Dieses Gefühl der Sinn- und Aussichtslosigkeit trägt mit dazu bei, daß Jugendliche irrationale Handlungen begehen, ihre Gesundheit ruinieren oder ihre berufliche Zukunft nicht ernst nehmen.

Anklammern - Sucht nach Nervenkitzel

Zeltprobe mit Keulen

Nun gibt es zwei Möglichkeiten, mit dieser Angst umzugehen. Die eine Richtung ist, daß man sich sagt: Das ganze Leben ist eine unsichere Angelegenheit; deshalb verhalte ich mich immer so, daß ich nichts riskiere. Ich richte mich danach, was die anderen tun, dann ist die Wahrscheinlichkeit am größten, daß mir nichts passiert. Am besten, ich habe immer etwas, an dem ich mich festhalten kann, z. B. einen Menschen, der für mich zuständig ist. - Wir kennen dies beim kleinen Kind als ein völlig normales Verhalten, daß es lange Zeit einen vertrauten Menschen in seiner Nähe braucht. Wenn die Mutter nicht in der Nähe ist, dann nimmt es seine Puppe oder sein Schmusedeckchen als Ersatz. D. h. das Kind löst sich langsam von der Mutter ab; es entwickelt in sich eine Kraft, die die Mutter ersetzt. Aber häufig wird die beschützende Mutter nicht oder nicht stark genug verinnerlicht. Dann bleibt das Kind immer auf einen äußeren Schutz angewiesen. Sei es auf einen Freund, eine Freundin, jedenfalls auf ganz feste Bezugspersonen in seinem Umkreis. Meist sind das die angepaßten, braven Kinder; sie trauen sich nicht, über die Stränge zu schlagen, etwas falsch oder anders zu machen. M. Balint nennt sie in seiner Studie über »Angstlust und Regression« die Oknophilen, die Klammeräffchen, die immer irgend etwas brauchen, woran sie sich anklammern können. Festhalten ist ihr Motto.

Die zweite Möglichkeit, mit dieser Angst, mit dieser Verunsicherung fertig zu werden, besteht gerade im Gegenteil. Ein bekanntes Beispiel für eine solche Strategie ist Reinhold Meßner, der weltbekannte Bergsteiger, der alleine auf die höchsten Berge der Welt kletterte, Polarexpeditionen unternimmt, ein echter Abenteurer. Man könnte annehmen, daß so ein Kerl keine Angst kennt. Horst Eberhard Richter zitiert in seinem Buch »Umgang mit Angst« einen Abschnitt eines »ZEIT«-Interviews mit Reinhold Meßner. Meßner schildert darin, was ihn treibt, all diese Abenteuer aufzusuchen.

Zeltprobe mit Keulen
ZEIT:
»Sie sagen, Sie steigen auf die Berge und gehen zum Südpol, um nicht verrückt zu werden«.
R. M.:
»Richtig, ja.«
ZEIT:
»Wie sieht denn diese Verrücktheit aus, die Sie befürchten?«
R. M.:
»Ich würde im Zimmer hin- und hergehen wie ein wildes Tier, das man eingesperrt hat. Ich würde nicht mehr klar denken können. Ich bin als Student, der eigentlich klettern wollte, nachts häufig aufgewacht, in Angstschweiß gebadet, weil ein bestimmter Gedanke dauernd durch meinen Kopf lief. Ich habe im Kreis gedacht.«
ZEIT:
»Aber Sie sind nicht verrückt geworden?«
R. M.:
»Hätte ich weiterstudiert, statt auf den Himalaja zu gehen, hätte ich mich vermutlich erschossen.«

Man sieht, die andere Möglichkeit, mit der Angst umzugehen, besteht in der Flucht nach vorne. Als Lehrer kennt man diese draufgängerischen Typen. In jedem Schullandheim, bei jeder Unternehmung sind sie die Sorgenkinder: Jeden Baum und jede gefährliche Stelle empfinden sie als Herausforderung. Von jedem Berg oder jeder Felsnase im Gebirge muß heruntergeguckt werden. Sie kennen keine Angst vor der Tiefe, selbst wenn unter ihnen ein hundert Meter tiefer Abgrund gähnt. Sie kennen keine Höhenangst und keinen Schwindel, nichts, nur dem Lehrer wird s schwindelig. Diese Sorte Menschen nennt Balint Philobaten, die Luftikusse, die immer etwas erleben wollen, die die Flucht nach vorne antreten. Vorzugsweise werden sie Drachenflieger, machen Bungee-Jumping oder Free Climbing, springen Fallschirm oder treiben ähnliche riskante und lebensgefährliche Sportarten. Philobaten sind abenteuersüchtig. Sie brauchen ständig die Erregung durch das äußere Erlebnis, dann sind sie auch innerlich zufrieden und fühlen sich wohl. So hat z. B. eine Gruppe von Heroinsüchtigen, die nach dem Entzug ganz von der Sucht loskommen wollte, eine Fallschirmspringergruppe gebildet. Nun können sie nicht mehr von ihrer neuen Sucht lassen. So wie sie vorher an der Spritze hingen, so brauchen sie jetzt dieses Erlebnis: sich »rauswerfen«, fallen und den Nervenkitzel auskosten, bis der Fallschirm aufgeht.

Die pädagogische Bedeutung der Zirkuskünste

Proben in der Turnhalle

Wenn es darum geht, den heranwachsenden Kindern und Jugendlichen abenteuerliche Erlebnisse, Bewegungserfahrungen usw. zu vermitteln, gibt es viele Möglichkeiten. Der Begriff »Erlebnispädagogik« hat sich für diesen Bereich der Erziehung eingebürgert. Hier soll nachfolgend kurz skizziert werden, welchen Beitrag einige Zirkusdisziplinen zur Erlebnis- und Abenteuerpädagogik leisten können. Anhand von drei Disziplinen - Akrobatik, Jonglage und Balance - soll gezeigt werden, wie das artistische Üben sowohl für die »Klammeraffen« wie auch für die »Luftikusse« sehr heilsam sein kann. Dabei zeigt es sich auch, daß sowohl die Bewegungs-, Beziehungs- und Erlebnisarmut als auch die Angst vor der Zukunft auf einer elementaren Ebene pädagogisch fruchtbar angegangen werden können.

Akrobatik: Kontakt mit dem Boden und luftiger »Aufstieg«

Man stelle sich folgendes einfaches, akrobatisches Gebilde vor. Auf den Oberschenkeln des Untermannes steht jemand, der in einer bestimmten Weise gehalten werden muß, damit er nicht herunterfällt; d. h. es muß ein ganz bestimmtes Verhältnis zwischen den Körpern des Untermannes und des zweiten Mannes gefunden werden. Der Untermann muß absolut sicher auf dem Boden stehen. In der Fachsprache sagt man, daß er eine Basis herstellen muß. Durch regelmäßige Übung lernt er, sicher zu stehen, so daß ihn nicht so schnell jemand umwerfen kann. Derjenige, der auf ihm steht, befindet sich dagegen in der Luft; er steht zwar vielleicht noch auf den Oberschenkeln oder den Schultern des Untermannes, aber es wird sozusagen luftig. Es sind also zwei Tendenzen in diesem Gebilde vorhanden: fest auf dem Boden, Schwere nach unten, und, je höher das Ganze wird, Leichte nach oben. Derjenige, der sich gerne anklammert, der Sicherheit haben will, wagt dann, wenn er hochgeht, unendlich viel. Steht er hingegen unten, dann darf er nicht klammern und sich festhalten, sondern er muß einen anderen festhalten. Dieses »Ich brauche jemanden« kehrt sich um in »Ich halte jemanden, oder er fällt runter, wenn ich ihn nicht halte«. Und derjenige, der hochsteigt, er hat sein Risiko, sein Zittern und seine Angst. Er darf nicht anfangen, dort oben herumzuturnen nach dem Motto: »Guck mal, jetzt stehe ich auf einem Bein«, dann würde er dem Untermann auf den Kopf fallen. D.h. derjenige, der oben steht, muß lernen, verantwortlich zu sein, er muß sich so verhalten, daß er mit dem unteren übereinstimmt, daß er ihm keinen Schaden zufügt. Daß derjenige, der sich gerne anklammert, jemanden hält, und derjenige, der das Risiko sucht, Rücksicht nehmen muß, ist pädagogisch außerordentlich wirkungsvoll.

Feuer auf dem Drahtseil

Eine weitere Ebene zeigt die folgende akrobatische Übung. Eine Pyramidengruppe, bestehend aus 10, 14 oder 20 Personen, baut ein ziemlich hohes Gebilde. Jeder einzelne darf nur dann mitmachen, wenn er sich sicher in die Gruppe eingliedern kann. Jeder ist völlig verantwortlich, und zwar nicht nur für sich, sondern auch für die anderen. Selbst wenn es drückt und weh tut, darf man nicht loslassen, sonst purzelt die Pyramide zusammen. »Ich bin verantwortlich für 10, 14 Leute, für die gesamte Pyramide«; dieses Erlebnis bewirkt einen starken Zusammenhalt in der Gruppe. Mit der Zeit bildet die Pyramidengruppe eine solche eingeschworene Gemeinschaft, daß die einzelnen Mitglieder es gar nicht mehr so nötig haben, sonstwo ihre Beziehungsarmut zu kompensieren. Wenn sie zusammen sind, dann bilden ihre Körper eine Einheit, eine Gemeinschaft. Daß einer mitten in der Arbeit sagt: »Ich habe keine Lust mehr« kommt praktisch nicht vor. Die Verantwortlichkeit und das Vertrauen, das jeder zu den anderen haben muß, das Gefühl, die anderen halten mich, ist eine unbedingte Voraussetzung für diese akrobatische Kunst. Wir haben es bei dieser Arte von Akrobatik mit dem Motiv der Gemeinschaft und des Beziehungsbildens auf einer elementar körperlichen Ebene zu tun.

Strassencircus in Oslo

Noch ein anderes Beispiel: Jemand stellt sich auf einen hohen Kasten und läßt sich rücklings, steif wie ein Brett, herunterfallen. Die anderen stehen in zwei gegenüberstehenden Reihen unten und fangen ihn auf. Ohne Vertrauen in die anderen und ohne eigenen Mut würde diese &Uml;bung nicht funktionieren. Das ist Abenteuer, und es erzeugt Nervenkitzel! Es braucht lange, bis das Vertrauen da ist, sich fallenlassen zu können mit der Gewißheit, aufgefangen zu werden. Die Ängste, die bei solch einer einfachen Übung durchgemacht und überwunden werden, sind nicht zu unterschätzen. »Ich traue mich! Die halten mich? Ich trau mich nicht, ich laß es! Ich probiere es doch!« Oder: »Sie haben mich gehalten, ich probiere es gleich noch einmal, sie haben mich wieder gehalten« usf. - solche seelischen Prozesse sind zu durchleben, bis die Sicherheit und das Vertrauen zur Gruppe und zu sich selbst gewonnen ist. Die »Luftikusse« sind hier in ihrem Element; die »Klammeräffchen« dagegen haben die Möglichkeit, sich Schritt für Schritt der bedrohlichen Situation anzunähern.

Ein besonderes Gebiet der Akrobatik sind die Sprünge. Salto, Flickflack, Flugrollen - mit oder ohne Trampolin - verlangen, daß die Verbindung mit dem Boden für Momente aufgegeben wird. Durch die Drehung geht die normale Orientierung im Raum verloren, und eine neue Sicherheit muß durch Üben erworben werden. Beim Springen können die gestauten Bewegungsenergien unmittelbar »in Fluß« kommen, denn der Absprung verlangt eine Konzentration der Kraft; der Sprung selbst ist wie eine Explosion. Die Bewegungsfreude kann bei diesen Übungen am unmittelbarsten erlebt werden.

Jonglage: Balance zwischen Festhalten und Loslassen

3 Akrobaten in Oslo

Bei der Jonglage geht es neben einem ausgewogenen Verhältnis von Schwere und Leichte besonders um Geschicklichkeit. Bei uns im Circus Calibastra in der Michael Bauer Schule (Stuttgart) kommen die Kinder ab der 6. Klasse in die Jongliergruppe. Manche sind schon sehr geschickt. Sie stellen sich vor den Lehrer hin und jonglieren gleich mit drei Bällen. Andere stehen einfach da und sagen: »Meine Mama hat mir auch drei Bälle gekauft!« Zuerst legen wir zwei Bälle davon weg und spielen nur mit einem Ball. Da gibt es dann Kinder, die werfen ihn irgendwohin oder bis zur Decke hoch, andere bekommen ihn kaum aus der Hand und klammern sich an ihm fest. Wiederum zeigen sich hier die beiden grundverschiedenen Typen: Luftikus und Klammeräffchen. Beim Üben lernen sie, im lockeren Rhythmus zu werfen und zu fangen, ohne sich zu verkrampfen und ohne die Kontrolle über die Flugbahn zu verlieren. Es geht hierbei darum, eine spielerische Balance zwischen Werfen und Fangen, zwischen Festhalten und Loslassen zu entwickeln. Diejenigen, die klammern, müssen das Leichte lernen, und diejenigen, denen der Ball schnell entwischt, müssen lernen, sich zu konzentrieren und genau zu werfen, so daß der Ball tatsächlich dort ankommt, wo er hin soll.

Balance: Überwindung der Angst

Rola Bola

Ein drittes Gebiet ist die Balance, die bei der Akrobatik und besonders beim Seillaufen, Einradfahren, Stelzenlaufen und auf dem Rollbrett geübt wird. Am Anfang hält der Lehrer die Kinder noch an der Hand und geht neben ihnen her. Über diesen Handkontakt spürt man unmittelbar, was im Körper und in der Seele des Kindes vor sich geht. Auf dem Seil bekommen manche unterwegs Angst, halten an, verkrampfen sich und suchen festen Halt. Sobald sich der Körper versteift, stürzt man ab. Obwohl der Lehrer mitläuft und das Seil nicht sehr hoch ist, also keine Gefahr besteht, sich wehzutun, tritt etwas ein, was man als Alarmmechanismus bezeichnen könnte. In den USA hat ein Psychologe tausend Menschen getestet, die, angeschlossen an Meßgeräte, erschreckt wurden, und alle haben gleich reagiert: Im Schulter- und Halsbereich spannte sich die gesamte Muskulatur an. Bei einer Bedrohung ziehen wir instinktiv den Kopf ein und spannen die Schultern abwehrbereit an. Dieser Alarmmechanismus droht auf dem Drahtseil ständig. Bei jeder Schwankung spannt man sich unwillkürlich an. Bei den Kindern mit Klammerneigung ist dies stärker ausgeprägt als bei den Luftikussen. Letztere gehen auf das Seil, laufen los und fallen herunter; sie steigen wieder hinauf, laufen und fallen wieder herunter. Sie scheinen das richtig zu genießen, obwohl sie auf diese Art auch nicht schneller lernen als die Klammertypen. Im Gegenteil, meistens brauchen sie sogar länger, bis sie die nötige Ruhe und Konzentration aufbringen, um sicher auf dem Seil zu balancieren.

Einradfahrer

Was geschieht eigentlich, wenn man auf dem Drahtseil, auf dem Rollbrett oder auf dem Einrad übt? Man wird ruhig und sucht trotz schwankendem Untergrund in den Füßen eine Stütze für die Aufrichtung. Oben greifen die Arme in die Weite. Sie suchen die Mitte, die Balance. Auch der Blick ist eine Hilfe, um den eigenen Körper auszubalancieren. Aber bei jedem Schwanken, bei jedem Schritt taucht die Angst und die Anspannung auf, und sie muß durch Mut und langsam wachsendes Vertrauen überwunden werden. Nach und nach verliert sie sich. Wenn man tausendmal Angst erlebt und sie tausendmal überwunden hat, lernt man sie immer besser kennen und mit ihr umzugehen. D. h. man lernt die Unsicherheiten des Gerätes kennen, und man lernt blitzschnell auf Schwankungen zu reagieren. Auch die Angst, beim Herunterfallen ins Bodenlose zu stürzen, verliert sich mit der Zeit. Die Erfahrung stellt sich ein, daß die Erde als tragender Untergrund immer da ist. Auf dem Drahtseil gibt es keine Möglichkeit, sich festzuhalten. Beim Jonglieren balanciere ich zwischen dem Loslassen und Auffangen in den Händen, bei der Akrobatik zwischen der Schwere und der Leichte vornehmlich in der Aufrichtungsmuskulatur, beim Drahtseillaufen liegt die Balance wie bei einer Waage in den Armen. Diese Waage ist nur dann ausgeglichen, wenn im Schulter- und Halsbereich keine Spannung da ist, wenn der Kopf frei auf den Schultern sitzt und die Aufrichtung ganz nach oben durchgeht. Trotz Seil brauche ich eine Verbindung zur Erdmitte, wie mit einer Wurzel, die man sich nach unten denken kann.

Balance ist nicht als fertiges Ergebnis festzuhalten. Balance »ist« nicht. Balance heißt: »Ich muß sie suchen und in jedem Moment neu herstellen.« Das Üben auf dem Drahtseil oder auf anderen Balancegeräten ist wie ein Urbild des menschlichen Lebens: »Wir sind gefordert, in jedem Moment die Mitte zu suchen, in jedem Moment den Ausgleich herzustellen.« Diese labile, bewegliche Kraft geht einerseits von unserer inneren Mitte, unserem Ich aus. Andererseits entsteht diese Mitte erst durch diese ausbalancierende Tätigkeit. Dabei sind wir ständig bedroht von Abgründen. Leichtsinn und die Sucht nach Nervenkitzel kann dazu verführen, den Ernst der Situation zu verkennen. Vertrauen in das Leben und in die eigenen Kräfte bildet sich nur, wenn die Abenteuer-Erlebnisse verbunden sind mit Verantwortungsgefühl, wie es z. B. in einer Pyramidengruppe entwickelt wird. Aber auch die Angst und das Bedürfnis, sich anzuklammern, verhindern das freie Ausbalancieren und Mitte-Finden. Durch die vielfache Konfrontation mit dieser einengenden Kraft und durch die Erfahrung, daß die »labile Mitte« auch trägt, entsteht Selbstsicherheit aus dem eigenen Zentrum heraus. Diese eigene Kraft hilft auch, der unbekannten und bedrohlichen Zukunft mutig und mit Vertrauen entgegenzugehen.

Einrad und Jonglage

Balancieren auf dem Drahtseil ist eine Schulung, in der man lernt, was dem Menschen zutiefst eigen ist, daß er sich frei bestimmen kann, daß er sich nicht anklammern oder drauflosstürmen muß, sondern daß er die Möglichkeit hat, in einem ständigen Ausgleichsuchen in der eigenen Mitte Halt zu finden und von da aus sein Leben zu gestalten. Wer das als Schüler auf dem Drahtseil geübt hat, lernt eine Haltung, die dann später in der Lebensführung und Lebensgestaltung auch in anderen Situationen zum Tragen kommt. Auf dem Seil über dem Abgrund zu gehen, im Zirkus spielerisch geübt, - ein sprechendes Urbild des Menschen.

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