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Circus in der Waldorfschule

Rudi Ballreich

Clowns am Meer

Wenn die Clowns in der Manege ihre Späße treiben, wenn die Artisten ihre Kunststücke vorführen, dann leuchten die Augen der Kinder. Aber auch die zuschauenden Erwachsenen erleben oft eine starke Faszination. Ein geheimnisvoller Zauber geht von der Circuswelt aus. Wenn man nun gar mit Kindern selbst die Circuskünste übt, dann wird die innere Beziehung der Kinder zu dem, was in der Manege passiert, noch deutlicher. Freudig und ausdauernd sind sie beim Jonglieren, Einradfahren, Balancieren usw. Es ist deutlich: Vielen Kindern macht es einen Riesenspaß, diese Geschicklichkeitsübungen zu erlernen. In einem Schullandheim kann es für einen Lehrer ja ganz richtig sein, mit seinen Schülern Dinge deswegen zu tun, weil sie allgemein die Beweglichkeit anregen und viel Spaß machen. Wenn eine solche Unternehmung aber Kreise um sich zieht und größer wird, ja sogar eine klassenübergreifende Circus-Arbeitsgemeinschaft entsteht, dann kommt irgendwann der Moment, wo man sich fragt: Welchen Zusammenhang hat denn das Circusüben mit dem, was sonst an der Schule geschieht? Lenkt das Jonglieren und Einradfahren von wichtigeren Aufgaben ab (z. B. Hausaufgaben, Instrumente üben), oder gehen von diesen Betätigungen vielleicht auch wertvolle Anregungen aus? Welche Wirkung auf die Schüler haben eigentlich Akrobatik, Jonglieren und Balancieren?

Ausbildung sozialer Fähigkeiten

Square Dance

Es ist sofort offensichtlich, dass bei einer Gemeinschaftsunternehmung "Circus" soziale Fähigkeiten in vielfältigster Weise gefördert und herangebildet werden. Beim Üben von Pyramiden, Partnerakrobatik, beim Clownspielen in Gruppen und bei den Tänzen muss sich jeder einzelne mit den anderen zu einem Ganzen zusammenfinden. Gleichzeitig sind Wahrnehmung der anderen und Wachheit der eigenen Person gegenüber dafür notwendige Voraussetzungen. Es sind oft schmerzliche Lernprozesse, bis ein Schüler endlich begriffen hat, wie er sich im rechten Moment in der richtigen Weise in die Gruppe einfügen muss.

Dadurch, dass sich die Akrobatik auf der Ebene des körperlichen Einsatzes abspielt, erfordert sie auch die Wachheit dem eigenen Körper gegenüber. Dass dies in einem Bezug zur Gruppe geschieht, ist in diesem Alter sehr wichtig. Wenn der Schüler nur für sich und seine Leistung üben würde, könnte bei großer Begabung sehr leicht Eitelkeit und Überheblichkeit entstehen. Nummern mit mehreren Personen gelingen aber nur durch das gute Zusammenspiel aller Beteiligten. Von Anfang an wird deshalb großer Wert darauf gelegt, dass die Schüler sich gegenseitig helfen und in kleinen Gruppen selbständig arbeiten. Bei der großen Anzahl von Kindern ist das gar nicht anders möglich. Das hat dazu geführt, dass die älteren Schüler jetzt auch tragend in die Verantwortung für das Üben mit eingetreten sind. Einige von ihnen betreuen Übgruppen mit Jüngeren. Das ist wiederum für die nachkommenden Schüler sehr wichtig. Sie sehen, wie diszipliniert die "Älteren" arbeiten und schauen als Vorbild zu ihnen auf. Das sind wesentliche Erziehungsfaktoren. Außerdem ist es für das Schulganze sehr wichtig. Ab der Mittelstufe bis zur oberen Klasse lernen sich die Schüler untereinander kennen und schätzen, denn der "Circus" verbindet die einzelnen Klassen. Bei den Aufführungen haben viele Schüler oft außer ihren Auftritten auch andere Aufgaben: Für andere im richtigen Moment etwas bereitstellen, auf- und abbauen, beim Umldeiden oder Schminken helfen, aufräumen usw. Das ist ein vielfältiges Gebiet, wo soziale Fähigkeiten geübt werden.

Ohne Eltern geht es nicht

Dass eine derartige Unternehmung nicht ohne die Hilfe unzähliger Hände bestehen kann, ist naheliegend. Als sich der Circus Calibastra 1985 im Schullandheim einer 7 Klasse begründete und anschließend die ersten Aufführungen stattfanden, lag die Betreuung der artistischen sowie aller anderen Circustätigkeiten bei ganz wenigen Menschen. Bald kamen aber ganz neue Disziplinen hinzu, und mit ihnen ganz neue Gesichter.

Einzug mit Instrumenten

Wenn jetzt vor den Sommerferien bei den alljährlichen Aufführungen die Clowns und Artisten in der Manege ihr Programm mit Akrobatik, Jonglieren, Folkloretänzen, Fechten, Einradfahren, Clownspiele, Drahtseil- und Tiernummern zeigen, ist bereits viel Einsatz geleistet worden: Viele Mütter haben in mühevoller Kleinarbeit weit über 200 Kostüme entworfen, zugeschnitten und genäht. Andere Eltern, Lehrer und Schüler probten bereits einige Zeit im Circusorchester. Das Repertoire umfasst Werke von Beethoven, Wagner und Grieg, auch fehlen mexikanische, russische oder armenische Folklorestücke nicht. Andere wieder haben in anstrengender Nachtarbeit die Beleuchtungsanlage installiert.

Wenn sich dann der Vorhang öffnet und das Circus-Spiel seinen Lauf nimmt, dann verschmelzen Musik, Beleuchtung, Kostüme und die eingeübten Kunststücke und Szenen zu einem stimmungsvollen Ganzen. Diese Gesamtwirkung kann aber nur entstehen durch die vielen Helfer im Hintergrund. Eigentlich gilt jeder Applaus auch für sie.

Kinder erleben so Jahr für Jahr, dass der Circus eine Gemeinschaftsunternehmung ist, bei der Schüler, Eltern und Lehrer Hand in Hand arbeiten und dass nur durch diese große Gemeinschaft ihre Darstellungen zur Geltung kommen können. Auch das ist eine wichtige soziale Erfahrung.

Konzentrationsübungen am eigenen Leib

Schwieriger ist dje Frage zu beantworten, welche Wirkungen artistische Bewegungsübungen auf Kinder haben. Hierzu kann die Betrachtung einiger Methoden der Waldorfpädagogik eine gute Hilfe sein.

Drahtseillaufen

Mit großem Lerneifer kommen viele Erstkläßler in die Schule. Sie möchten Rechnen, Lesen, Schreiben lernen und möglichst bald alles verstehen. Trotz dieser Freude und Erwartung zeigt es sich aber, dass es manchen Kindern schwer fällt, sich überhaupt richtig auf die Schule zu konzentrieren. Einige können sich vielleicht im Bereich der Zahlen wach und innerlich geschickt bewegen, anderen gelingen auf Anhieb saubere und schöne Buchstabenformen, eine weitere Gruppe von Schülern bringt die Fähigkeit mit, die gehörten Geschichten genau nachzuerzählen, aber andere Tätigkeiten fallen ihnen schwer. Für den Lehrer zeigt es sich sehr schnell, dass seine wichtigste Aufgabe darin besteht, in all den verschiedenen Tätigkeits- und Lernbereichen die Schulanfänger zu wachem und konzentriertem Arbeiten hinzuführen. Und er wird die vielen kleinen, inneren Aufwachmomente bei seinen Schülern genau beobachten. Er wird aber auch nach Möglichkeiten suchen, das Wachsen dieser Gedanken- und Konzentrationskräfte grundsätzlich zu üben.

Rudolf Steiner hat beim Aufbau der Waldorfschule die Lehrer mehrfach darauf hingewiesen, dass sich die Denkfähigkeiten der Schüler gesünder und kräftiger entwickeln, wenn die Kinder geistige Wachheit und Beweglichkeit zuhächst durch das Tätigsein des eigenen Leibes erüben, d. h. statt Konzentration auf abstrakte Begriffe; Konzentration auf die eigenen Körperbewegungen. So beginnt es schon in der ersten Klasse damit, dass die Schüler im rhythmischen Teil des Hauptunterrichts jeden Morgen in vielfältigster Weise Körpergeschicklichkeit üben: Fingerspiele, rhythmisches Klatschen und Stampfen, Orientierungsübungen am Körper usw. Das geschieht alles noch sehr spielerisch, aber die Kinder müssen dabei innerlich sehr wach werden. Diese innere Wachheit und Beweglichkeit wird aber gerade durch die äußeren Anforderungen (Maschen stricken, eine bestimmte Form genau zeichnen, die Flötenlöcher in der richtigen Reihenfolge abdecken usw.) gefördert und angeregt. Auch das Rechnen und Schreiben wird über das Tätigsein der Glieder gelernt.

Nicht nur als Ausgleich zum langen Sitzen sollen die Schüler im Turnen ihre Glieder geschickt machen, nicht nur als Vorbereitung auf das spätere Leben sollen sie Stricken, Häkeln, Holzwerken und praktische Gartenarbeit erlernen, vielmehr sollen in ihnen durch diese Leibesbewegungen seelisch-geistige Kräfte erwachen. Also nicht durch intellektuelles Training wird bei den jüngeren Schulkindern die Denkfähigkeit entwickelt, sondern indem sie angehalten werden, mit ihrem Denken und ihrem Willen die Glieder geschickt zu bewegen. Dadurch wird nicht ein blasses, abstraktes Denken gefördert, sondern ein Denken, das die Kraft hat, den Leib zu bewegen, im Seelischen Formen zu schaffen, und im Äußeren die Welt zu verändern und zu gestalten, kurz: willenshaftes Denken kann sich so entfalten.

Artistisches Üben

Die 3 A-kro-ba-ten

Vor diesem allgemeinen Hintergrund kann die Bedeutung von turnerischen und cirucusartistischen Übungen gesehen werden. Beim Balancieren übt man in gesteigerter Form das Beherrschen des Gleichgewichts. Jonglieren erfordert ein flinkes und rhythmisches Ergreifen und Loslassen von Gegenständen; Sprungakrobatik und alles Bodenturnen gelingt nur dann, wenn der schwere Körper durch klare Bewegungsvorstellungen und erübte Elastizität immer wieder für Momente in einen Leichtigkeitszustand gebracht wird. Bei all diesen Übungen wird durch die äußere Aufgabe das innere Aufwachen gefördert. Erst wenn man mit einem beweglichen Denken klar weiß, was die Hände oder Füße tun sollen, kann eine Übung gelingen. Allerdings muss man beachten, dass der bewusstseinsweckende Moment bei diesem Üben immer nur so lange da ist, wie die Bewegungsabfolge noch nicht sicher beherrscht wird. Ist das geschehen, geht manches "fast wie von selbst". Es wird zu einer Fähigkeit, die ohne größere Bewusstseinsanstrengungen einsetzbar ist. Deshalb sollten die Übungen eine schrittweise Steigerung enthalten, damit die innere, lebendige Beteiligung, der Wille und das Bewusstsein immer neu ergriffen wird.

Durch diese Tätigkeit werden einerseits seelisch-geistige Kräfte im Menschen aufgeweckt, andererseits verändert sich dadurch auch das Verhältnis des Menschen zu seinem Leib, zu sich selbst und zur Welt. Es ist ein Unterschied, ob ein Mensch in seinem Leib geschickt ist, ob er Sprungkraft und Leichtigkeit fühlen kann, ob er die Gesetze der Trägheit, der Schwere und des Gleichgewichts meistert, oder ob er von ihnen beherrscht wird und seinen Leib plump und unbeweglich erlebt. Das Erüben von Körpergeschicklichkeit ist ein ständiges Überwinden der eigenen Trägheit und der Schwere des Leibes. Jedes Gelingen einer Übung stärkt das Selbstbewusstsein und gibt Kraft. Die innere Auseinandersetzung mit den ungelenkig werdenden Gliedern und den schwieriger werdenden Lebensumständen in der Pubertätszeit verläuft anders, wenn auf der leiblichen Ebene ein sicheres Fundament geschaffen wurde, und auch weiter daran geübt wird. Welchen Beitrag dazu einzelne Übdisziplinen leisten, soll an einigen Beispielen gezeigt werden.

Balancieren

Einrad in der Manage

Vom Einrad, Drahtseil oder von der Balancier-Kugel wird man herunterfallen, bis man durch viele Meine Bewusstseinsakte gelernt hat, das Gewicht der Glieder so zu ordnen, dass es in einem ausgeglichenen Verhältnis um die Schwerelinie herum verteilt ist. Dazu muss man innerlich ganz ruhig werden und ganz bei sich sein. Man konzentriert sich mit der Schwerkraft nach unten zur Erdmitte hin und erlebt dadurch gleichzeitig die Aufrichtekraft, die der Schwere entgegengesetzt ist.

Andererseits ist es aber nötig, sich mit seinem Bewusstsein im Raum zu orientieren. Das geschieht dadurch, dass man mit den Armen weit und leicht in den Raum hinausfühlt. Wenn es gelingt, genaue Zentrierung und weites Bewusstsein im räumlichen Umkreis zusammenzubringen, dann ist der Mensch im Gleichgewicht. Er ist ganz bei sich und ganz im Umkreis. Wird der Körper so harmonisch in die Schwerekräfte der Erde und in die Kräfte des Umraumes eingeordnet, entschwindet er als Schwereerlebnis aus dem Bewusstsein. In solchen Momenten ist ein besonderes Erlebnis möglich: Wenn das Ringen um Gleichgewicht kurzzeitig aufhört, weil man sich in der harmonischen Mitte hält, dann kann sich das Bewusstsein aus der Konzentration auf den Gleichgewicht suchenden Leib lösen. Es erlebt sich dann als leicht und frei. Das Seelisch-Geistige des Menschen fühlt sich in solchen Augenblicken unabhängig vom schweren Leib.

Otto und Egon - Drahtseilflieger

Wenn der Balanceakt selbstverständlich geworden ist, d. h. ohne Anstrengung gelingt, dann können sich die Aufmerksamkeitskräfte z. B. dem Jonglieren oder Tanzen auf dem Drahtseil zuwenden. Durch diesen Ühungsweg geschieht eine starke innere Festigung. Form- und Aufrichtekraft müssen ergriffen und zur Mitte hin zentriert werden. Auf der Stufe der Körperbeherrschung wird das geübt, was für das spätere Leben als seelische Kraft nötig ist: aus einem souveränen Geistig-Seelischen heraus, sich immer wieder in eine ausgeglichene Mitte bringen zu können. Das muss auf dem Seil, wie im "wirklichen" Leben, jeden Moment neu errungen werden.

Jonglieren

Balljonglage auf dem Rola

Zunächst wird beim Jonglieren das geschickte Fangen und Werfen mit den Händen geübt. Später, bei schwierigeren Aufgabenstellungen, werden auch andere Körperteile eingesetzt. Zum Beispiel beim Jonglieren unter dem Knie hindurch muss der ganze Körper in einem Rhythmus schwingen. Beine und Hände müssen sich in diesem Rhythmus aufeinander einstimmen. Ein waches und leichtes Spiel mit den Gegenständen wird geübt. Beherrschung dieser Gegenstände im schnellen Fangen und Werfen entsteht. Der Leib wird geschickt durch dieses Tun. Viele innere Aufwachmomente bewirken aber erst das Gelingen einer Übung. Manchmal dauert es Wochen bis man einen bestimmten Wurf schafft. Erst wenn das Bewusstsein im richtigen Moment die Hände in der richtigen Weise dirigiert, kann die Aufgabe gelingen. Alles Üben hat nur den Zweck, die Vorstellung im Bewusstsein zu klären und zu kräftigen; die Glieder folgen dann diesem "inneren Dirigenten." Ein schnelles und bewegliches Bewusstsein wird erweckt, das im Rhythmus der Bälle oder Keulen zugreift und losläßt und dadurch die Glieder geschickt bewegt. Ein Gefühl der Freiheit entwickelt sich: Der Leib bewegt sich so, wie es das Bewusstsein will. Er ist nicht Hemmnis, sondern williges und geschultes Werkzeug, um in der Welt zu wirken. Beim Partner- oder Gruppenjonglieren muss man sich ganz auf den anderen einstimmen: gemeinsam im selben Rhythmus schwingen und gemeinsam zur rechten Zeit fangen und werfen. Im Rhythmus der fallenden und steigenden Gegenstände müssen sich zwei oder vier Jongleure innerlich mitbewegen und mit ihren Händen in diesem Rhythmus zugreifen und loslassen. Außer Reaktionsfähigkeit, Schnelligkeit und Beweglichkeit der Glieder ist es auch eine starke soziale Schulung. Man muss sich gemeinsam in einem Prozess bewegen. Nicht auf sich darf sich das Bewusstsein konzentrieren, sondern auf den gemeinsam erzeugten Rhythmus der Keulen, Bälle oder Ringe.

Sprung- und Bodenakrobatik

Um Rollen, Saltos, Überschläge und Trampolinsprünge ausführen zu können, sollte der Körper Elastizität und Sprungkraft besitzen. Das muss über lange Zeit erübt werden. Aber das allein genügt nicht. Oft dauert es Monate, bis ein neuer Sprung oder ein neuer Überschlag gelernt ist. In dem Moment, wo sich der Körper im Absprung vom Boden löst oder sich einrollt, hat das Bewusstsein die Tendenz, einzuschlafen. Deshalb gerät die Bewegung außer Kontrolle und die Übung misslingt. Im Laufe des Übprozesses muss das Bewusstsein so stark werden, bis es auch bei der Drehung des Körpers wach bleibt und sogar die Glieder noch in eine schöne Form bringen kann. Wenn dann die akrobatischen Sprünge und Überschläge gelingen, wird ein starkes Kraftgefühl erlebt: Für Momente kann man den ganzen Körper durch den Sprung in die Leichtigkeit bringen und in dieser Leichtigkeit sogar noch kontrollierte und geformte Drehungen usw. ausführen. Gerade bei diesen Übungen erleben die Schüler stark, wie ihre Kraft von Übung zu &bung wächst. Die Freude darüber, die Schwere des Leibes durch eigene Kraft für Momente überwunden zu haben, ist den Gesichtern der Schüler anzusehen. Diese Erfolgs- und Krafterlebnisse braucht ein Kind in genügendem Maße, damit es später im Leben Beschwernisse und Hindernisse mit Selbstbewusstsein und Mut angehen kann.

Folkloretanz

Geht es beim Balancieren, Jonglieren und Springen mehr um das willenshafte Ergreifen und Formen des Leibes, so kommt beim Folkloretanz durch die Musik und Tanzstile der verschiedenen Völker das Sicheinfühlen in die Seelenstimmung eines Volkes, einer Musik und einer Bewegungsabfolge hinzu. Man muss mit der Musik mitschwingen und sich von ihr tragen lassen. Trotzdem sollten die Bewegungen der Glieder und die Körperhaltung genau sein: weiche Armbewegungen wechseln mit temperamentvollem Klatschen, schnelle Laufschritte werden abgelöst von sanften Wiegeschritten usw. Durch das seelische Mitgehen entstehen andere Bewegungsqualitäten als bei den artistischen Übungen.

Clownsspielen - Artistik

Paulinchen und Wilhelmine

Es bleibt zum Schluss die Frage, welche Bedeutung der Rahmen "Circus" für eine solche pädagogische Unternehmung hat. Denn die Geschicklichkeitsübungen könnten ja auch in einer Turn-Arbeitsgemeinschaft geübt werden. Die Erfahrung der letzten Jahre hat gezeigt, dass die Welt des Circus die Phantasie und die Gefühle der Kinder so sehr anregt, dass sie solange üben wollen, bis es schön, spielerisch und leicht aussieht. Die Seele ist eben anders beteiligt, ob man bei einer Aufführung in die Rolle eines Jongleurs, Akrobaten oder eines Drahtseilartisten schlüpft, oder ob man nur eine gelernte Übung zeigt. Im Spiel verbindet sich der Schüler stark mit der Rolle, die er darstellen soll. Beim genaueren Hinschauen zeigt es sich, dass hinter der glitzernden Welt der Artisten für das kindliche Bewusstsein die Gestalten des Circus Ideale darstellen im Beherrschen ihres Leibes und der Gesetze der physischen Welt. So erscheinen die Artisten als Vorbilder, die es durch Disziplin und Ausdauer zu einer Souveränität und spielerischen Freiheit in Bezug auf ihren Leib gebracht haben.

Auf der anderen Seite steht der Clown, der jede Situation wie neu erlebt und dabei oft stolpert. Aus seinen Empfindungen heraus reagiert er direkt und ohne Vorauswissen. Seine Phantasie ist wie ein sprudelnder Quell: der Schal in seinen Händen verwandelt sich in eine gefährliche Schlange, einen Feuerwehrschlauch, ein Seeräuberkopftuch - und er selbst verwandelt sich mit. Der Clown hat sich ein kindliches Bewusstsein bewahrt, denn so spielen auch Kinder, die noch nicht gelernt haben, die Dinge mit ihrem Verstand nüchtern zu betrachten.

Mit dieser Einstellung gerät der Clown immer wieder in Konflikt mit den Gesetzen der "sachlichen Welt". Sein Stolpern und sein Scheitern sind keine Ideale, denen man nachstreben kann; Sie zeigen die Auseinandersetzung des ungebundenen und offenen Bewusstseins mit der Welt der äußeren Realitäten. Weil der Clown mit aller Naivität und Positivität nach jedem Fehlschlag wieder von vorne anfängt, lebt er aber die Kraft dar, die auch in Kindern wirkt, wenn sie unermüdlich etwas Neues erlernen wollen. Wenn man die offene Seelenhaltung des Clowns ernsthaft erüben will, dann ist es einerseits nötig, dass der Leib durchlässig wird für die "spielende Seele". Körperliche Bewegung- und Ausdrucksübungen bereiten dafür die Grundlage. Andererseits brauchen aber auch die gehemmten und unbeweglichen Seelen Anregung, um spontan und einfallsreich in Situationen regieren zu können. Durch vielfältigste Improvisationsaufgaben kann das erübt werden. Die eigentlichen Clownsübungen hängen aber sehr stark mit der Sinneswahrnehmung zusammen: offen zu werden für die Töne, die Farben und Formen, die Gegenstände, das Schmecken und Riechen, die eigenen Bewegungen usw. Der Verstand mit seinem vorschnellen Wissen muss lernen sich zurückzuhalten, damit man bei einem Eindruck wirklich verweilen kann, damit er sich aussprechen kann. Wenn in einer solchen Übungssituation der "spielende Mensch" wach ist, dann kann er z. B. einer einfachen Triangel außer Tönen noch viele andere Funktionen entlocken.

Clowns

Bei den Circusaufführungen werden zwar lustige Clownsnummern vorgeführt, die meistens aus solchen Improvisationsaufgaben entsprungen sind, aber lebendig und echt wirken die Clowns nur dann, wenn die Spieler diese offene Seelenhaltung wenigstens etwas in sich freigelegt haben. Eine solche Sinnesschulung ist in der heutigen Zeit mit ihren vielen Sinnesüberreizungen besonders notwendig.

So kann man abschließend sagen, dass vielfältige und wichtige Anregungen von einer solchen Kindercircus-Unternehmung ausgehen und dass es für Kinder in einem bestimmten Alter sehr sinnvoll sein kann, übend in die Welt der Circuskünste einzutauchen.

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