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Soziales Lernen in Zirkusprojekten

Rudi Ballreich

Clownsgesichter

In modernen Unternehmen werden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gesucht, die für ihre Arbeit Verantwortung übernehmen, Initiative ergreifen und die fähig sind, sich im Team mit anderen abzustimmen. Diese Fähigkeiten werden aber nicht nur im Berufsleben benötigt. Auch im Privaten leiden viele Beziehungen darunter, dass die Menschen nicht gelernt haben, Probleme im Dialog zu besprechen oder in Konfliktsituationen konstruktive Lösungen zu finden.

Von der Schule wird erwartet, dass sie mehr als bisher für die Entwicklung von sozialen Kompetenzen unternimmt. Das ist aber gar nicht so einfach, denn soziales Lernen braucht ein bestimmtes Milieu. Ganz besonders geeignet sind dafür Aktivitäten oder Projekte, in denen in einer Gruppe auf ein herausforderndes Ziel hingearbeitet wird. Wenn es dabei gelingt, dass sich die Einzelnen mit der gemeinsamen Aufgabe identifizieren, dann entsteht ein intensiver Gemeinschaftsprozess, in dem wichtige soziale Erfahrungen gemacht werden. Weil es die gemeinsame Aufgabe erfordert, wachsen die Beteiligten über sich hinaus und entwickeln dabei neue Fähigkeiten. Wie soziales Lernen in Zirkusprojekten möglich ist, soll durch die Beschreibung einiger Zirkusbereiche gezeigt werden.

Tragen und Ertragen: beim Pyramidenbau

Menschenpyramide

Gemeinsam Menschenpyramiden zu bauen führt zu einem intensiven Gruppenerlebnis. Auf der physischen Ebene werden die Körper so miteinander verbunden, dass ein Gebilde entsteht, das unten stabil mit der Erde verbunden ist und nach oben immer leichter wird. Damit das gelingen kann, ist es wichtig, dass die Beteiligten Verantwortung füreinander übernehmen, denn eine Pyramide kann in jedem Moment zusammenbrechen. Vor allem für die zweite und dritte Ebene ist es gefährlich, wenn die Unteren zu wackeln anfangen. Besonders wenn Pyramiden drei Stockwerke oder höher sind, erfordert es eine hohe Konzentration und das Zusammenhalten von allen. Jugendliche, die gerne Quatsch machen, haben es dabei nicht leicht, denn Sprüche klopfen und Herumspinnen erzeugt Unsicherheit und führt zu gefährlichen Situationen. Sie müssen deshalb lernen, sich zusammenzunehmen, d. h. Selbstdisziplin zu entwickeln. Dazu kommt, dass das Aufeinander-Stehen manchmal ziemlich weh tun kann. Viele Kinder sind es nicht gewohnt, Schmerz zu ertragen, und ihre normale Reaktion wäre, den Schmerzverursacher abzuschütteln. In einer Pyramide ist es aber notwendig, den anderen so lange zu tragen und auch zu ertragen, wie die Übung dauert.

Mitglieder einer Pyramidengruppe müssen sich aufeinander verlassen können. Dafür ist ein Mindestmaß an Vertrauen untereinander nötig. Durch Streit und Ausgrenzung erzeugte Unsicherheit und Misstrauen gefährden das gemeinsame Werk. Eine konkrete Situation: Eine Pyramidengruppe von pubertären Jungen und Mädchen probiert eine neue Pyramide. Einige Basisleute sollen nach oben steigen. Dafür ist es nötig, dass sie ihre Schuhe ausziehen. Ein Teilnehmer ist dabei, dessen Socken ziemlich übel riechen und der auch sonst unangenehmen Schweißgeruch verbreitet. Offensichtlich hat er seit Tagen dieselben Socken an und wäscht sich auch nicht regelmäßig. In einer solchen Situation findet eine soziale Begegnung statt, wo es sich buchstäblich zeigt, ob es gelingt, mit jemand zusammenzuarbeiten, den man "nicht riechen" kann. Die Frage ist, wie die Gruppe mit dem Jungen, der so auffällt, umgeht. Regt sie ihn dazu an, sich zu waschen und frische Socken anzuziehen, oder drängt sie ihn in die Rolle des Außenseiters, der früher oder später ausgestoßen wird? Wenn es gut geht, beginnt bei ihm ein Veränderungsprozess, und er hat eine Chance, in die Gruppe integriert zu werden. Wird eine solche Auseinandersetzung offen ausgetragen, dann kann der Trainer mit der Gruppe klären, dass jeder in bestimmten Situationen einmal Außenseiter sein kann. Und dass es für eine Pyramidengruppe besonders wichtig ist, sich gegenseitig zu unterstützen und Eigenheiten, die für die Zusammenarbeit störend oder hemmend sind, zu überwinden. Dabei wird schnell deutlich, dass jeder andere Probleme hat, die das gute und sichere Gelingen der gemeinsamen Pyramiden verhindern.

Bei solchen positionsakrobatischen Übungen bewirken verschiedene Griffe sowie Fußstellungen auf den Oberschenkeln und Schultern einen "hautnahen" Kontakt zwischen den Beteiligten. Der Schutzraum, den im normalen Leben jeder um sich herum hat, ist dabei nahezu aufgehoben. Man muss die anderen ziemlich weit "an sich heranlassen", und "man tritt sich dabei oft auch zu nahe". Bei all diesen Begegnungen lernt man mit der Zeit, den eigenen Körper sachlich in das akrobatische Gesamtgebilde einzufügen und nicht sofort jede Kleinigkeit persönlich zu nehmen. In Pyramidengruppen werden soziale Haltungen geübt, die in dieser elementaren Form woanders gar nicht so gelernt werden können.

Abstimmungsprozesse: beim Jonglieren

Ringjongleure

Beim Lernen von neuen oder schwierigen Jonglierübungen kann man genau beobachten, wie Kopf und Hände zusammenspielen. Wenn ein neuer Wurf nicht gelingen will, zeigt die aufmerksame Selbstbeobachtung oft, dass die Bewegungsvorstellung nicht exakt war. Durch viele Übversuche wird das ungenaue Denken korrigiert. Wenn das Denken den Überblick über den Bewegungsraum, das Verhalten des Jongliergerätes und über die eigenen motorischen Aktionen gewonnen hat, dann hat es sich mit der Gliedmaßenbewegung verbunden, so dass die Hände richtig arbeiten und der Wurf gelingt. Die Lernprozesse werden dabei durch die Erfahrung des Gelingens oder Nichtgelingens eines Wurfes gesteuert. Wenn ein Wurf gelingt, war mein Denken im Einklang mit meinen realen Aktionen, und wenn er nicht gelingt, dann war mein Denken an manchen Stellen "dunkel" - es war nicht genug Klarheit vorhanden. Wenn ich übe, muss ich mit meinem Denken sozusagen die Bereiche der Aktion durchdringen, die ich vorher nicht richtig ergriffen habe. Das heißt, beim Jonglieren übe ich mein Denken. Es wird aktiv und "wirkungsvoll".

Wenn nun zwei oder mehr Leute zusammen jonglieren, müssen sie nicht nur ihre eigenen motorischen Aktionen und die Bewegungen ihres Jonglierobjektes vom Bewusstsein aus koordinieren, sondern auch noch die Koordinationsversuche der einzelnen Jongleure. Wenn dieser soziale Aspekt dazukommt, wird sichtbar, ob und wie das Denken der Einzelnen übereinstimmt. Wenn es nicht stimmt, dann klappt die gemeinsame Jonglage nicht. Einseitige Bewegungen kommen vom Partner verstärkt zurück. Das schaukelt sich so lange hoch, bis der Überblick total verloren geht und die fließende Jonglagebewegung zusammenbricht. Besonders wichtig ist dabei das Timing: "Wann bin ich dran? Wie lange dauert eine Aktion? In welchem Tempo muss ich reagieren?" Wer eigenwillig sein persönliches Tempo durchhält, fällt aus der gemeinsamen Jonglage heraus. Das heißt, alle müssen gleich zählen, sonst gibt es ein Chaos. Die Grundstruktur, die für alle dieselbe sein muss, bildet sich in Abstimmung aufeinander: Wenn mein Nachbar z. B. etwas schneller wird, muss ich entweder darauf eingehen und auch schneller werden oder ihn dazu bringen, dass er den gemeinsamen Rhythmus wiederfindet. Oft ist es nötig, sich gegenseitig Feedback zu geben und gemeinsam die Fehler aufzuspüren und zu beseitigen.

Viele feine Wahrnehmungen des eigenen Tuns und der Aktionen der anderen sind nötig, um durch verändertes Zielen, Werfen und Fangen Unstimmigkeiten ausgleichen zu können. Dadurch entsteht ein gemeinsamer Bewegungsraum, den alle Jonglierpartner durch Wachheit und Gespür füreinander erschaffen. Als soziale Fähigkeit entwickelt sich dadurch ein Wahrnehmen und Denken in vernetzten Zusammenhängen. Denn die eigenen Aktionen werden fortwährend im Zusammenhang der ganzen Gruppe gesehen und jede Unstimmigkeit an einer Stelle hat Auswirkungen auf das Ganze.

Soziale Interaktion: beim Clownspielen

Ohrenputzen

Improvisieren ist eine wichtige Grundlage des Clownspielens, weil Clowns unmittelbar auf das Publikum, auf Gegenstände und auf Situationen reagieren. Dabei zeigen sie ihre Gefühle direkt und unverstellt, wie es auch kleine Kinder tun. Beim Clown-Üben geht es deshalb sehr stark darum, das spontane Erleben und das Ausdrücken der Gefühle zu entwickeln. Das geschieht, indem die Kinder und Jugendlichen lernen, spielerisch verschiedene Gefühlsbereiche zu erforschen und unterschiedliche Rollen darzustellen. Dies bewirkt, dass mit der Zeit die eigenen Gefühle differenzierter wahrgenommen werden und der Mut wächst, das auchauszudrücken, was man fühlt.

Besonders wichtig ist es, ein Gespür für stimmige Interaktionen mit Partnern zu entwickeln. Ausgedachte Reaktionen wirken gekünstelt und taugen für das Clownspielen nicht. Gefühlsreaktionen mit Partnern so zu spielen, dass sie stimmig sind, ist dann möglich, wenn die Spieler sie echt fühlen und die Körperhaltung, der Gesichtsausdruck, die Augen, die Hände usw. das ausdrücken, was im Gefühl lebt. Die Stimme hat eine bestimmte Dynamik, die gesamte Aktion geschieht in einem bestimmten Tempo, das heißt, der ganze Mensch ist daran beteiligt. Wenn sich z. B. in einer Szene ein Clown abwendet und sagt: "Ich will alleine vorsingen!", dann erfordert die Gefühlslogik, dass sein Partner so reagiert, dass es stimmig ist. Beim Üben zeigt es sich aber häufig, dass die Reaktionen ausgedacht sind und ohne echte Gefühlsbeteiligung erfolgen. Was dabei schwer fällt, ist, im Hier und Jetzt wahrzunehmen und mitzufühlen, was der andere fühlt und will, und darauf aus dem eigenen Gefühl heraus passend zu antworten. Beim vertieften Üben wird dann deutlich, dass fast immer stimmige Gefühlsreaktionen vorhanden sind, wenn es gelingt, ganz wach in der Situation "da" zu sein und aus einer improvisierenden Haltung heraus zu spielen.

Wenn nun beim Proben geduldig daran gearbeitet wird, emotionale Aktionen und Reaktionen stimmig zu spielen, dann ist das gleichzeitig ein Klären und Ordnen des Emotionalen bei den betroffenen Kindern und Jugendlichen. Sie erleben, wie gefühlsmäßige Reaktionen sein können. Sie erforschen, wie es sich anfühlt, zu staunen, wütend zu sein, sich zu freuen, traurig zu sein usw. Und wenn es sich dabei um Aktionen und Reaktionen mit anderen Personen handelt, lernen sie, wie diese Gefühle in sozialen Situationen stimmig gelebt werden können. Durch diese Schulung wird es im normalen Leben schwieriger, mit undurchdringlichen Masken und normenbestimmten Rollen zu leben, zu funktionieren und in sozialen Situationen zu reagieren. Das eigene Erleben und Fühlen ist lebendiger geworden; es läßt sich nicht mehr so leicht übersehen und unterdrücken. In modernen Unternehmen werden Mitarbeiter darin geschult, offen miteinander zu kommunizieren. Dafür ist es eine unabdingbare Voraussetzung, dass sie die Gefühle bei sich selbst differenziert wahrnehmen und auch ausdrücken können. Beim Clown-Uben werden dafür wichtige Grundlagen gelegt.

Trainingsprozesse

Keulenjongleur

Zirkustraining ist nicht immer leicht und erfreulich. Denn wer sich an eine schwierigere Übung heranwagt, muss meistens viel Energie und Schweiß investieren, bis sie gelingt. Dabei gibt es immer wieder Momente, in denen die Lust verloren geht und das Ziel unerreichbar scheint. Erstaunlicherweise sind die Kinder und Jugendlichen beim Zirkustraining aber sehr motiviert und mit viel Begeisterung bei der Sache. Das liegt vor allem daran, dass Akrobatik, Jonglage und Balance in der Phantasie der Beteiligten mit dem Auftreten in der Manege verknüpft sind; d. h. sie schlüpfen in die Rolle des Akrobaten, des Jongleurs, des Drahtseilartisten, wenn sie ihre erübten Kunststücke zeigen. Durch das Gelingen der Kunststücke in der Manege und durch den Beifall des Publikums kommt die Bestätigung und Belohnung für die Anstrengungen. Wenn es dabei gelingt, in der Manege eine echte Zirkusatmosphäre zu erzeugen, befördert das die Identifikation mit den Rollen der Zirkusartisten.

Von Bedeutung für das spätere Leben ist es, welche Trainingseinstellung die Kinder und Jugendlichen lernen. Die Welt der Artisten vermittelt bestimmte Werte und Normen, die auch für das soziale Lernen wertvoll sind. Wenn es möglich ist, "echte" Artisten als Trainer zu gewinnen, wird die artistische Arbeitskultur vom Vorbild abgeschaut. Dann ist es oft gar nicht nötig, viel über Verantwortung, ständiges Verbessern, Zuverlässigkeit etc. zu sprechen, weil es vom Trainer übernommen wird. Beim Zirkustraining üben die älteren Teilnehmer oft mit den jüngeren. Dabei übernehmen sie fachliche und pädagogische Verantwortung und müssen zuerst einmal sich selbst disziplinieren lernen, bevor sie die Kleineren disziplinieren können. Unter Umständen bedeutet das, ihnen klar zu machen: Unter meinen Kameraden mache ich auch manchmal Blödsinn, aber hier als euer Trainer bin ich derjenige, der für Ordnung sorgt! Die Verantwortung als Trainer verlangt aber nicht nur Selbstdisziplin. Der Unterricht muss auch geplant werden: "Wie lernen Kinder? In welche Bewegungssequenzen muss ich z. B. ein schwieriges Jonglierkunststück auf teilen, damit es alle lernen? Wie gehe ich mit den Begabten um, die alles sofort können? Was mache ich mit denen, die langsamer lernen? Wie gehe ich mit den Störenfrieden in der Gruppe um?" Wer die Verantwortung als Trainer übernimmt, betritt ein Lernfeld, auf dem es sich nicht nur um Artistik handelt. Hier geht es auch um die Gestaltung von Lernprozessen, um Menschenverständnis und Menschenführung.

Aufführungen organisieren

Trapez

In Zirkusprojekten ist es möglich, kleinere Gruppen ab der 8. oder 9. Klasse selbstständig Aufführungen organisieren und durchführen zu lassen. Meistens handelt es sich um Auftritte bei Vereinsfesten, in Kindergärten oder Schulen. Dafür muss sich die verantwortliche Gruppe selbst organisieren: Probentermine klären, Rollen verteilen, das Programm gestalten usw. Um solche Aufgaben zu meistern, sind viele Abstimmungsprozesse nötig, die in der Gruppe selbstständig zu leisten sind. Bei diesen Vorbereitungsarbeiten zeigt sich deutlich, wer Führungsqualitäten entwickelt und wer lieber als "Gefolgschaft" teilnehmen will. Für beide Gruppen ist es ein wichtiges Lernfeld, denn wer heute noch Mitläufer ist, kann sich vielleicht in einem Jahr stark genug fühlen, eine Sache verantwortlich in die Hand zu nehmen. Innerhalb der Gruppe geht es z. B. darum, pünktlich zu sein, wenn man sich verabredet, und versprochene Zusagen einzuhalten. Es ist wichtig, dass alle ihre Requisiten, Kostüme und artistischen Geräte dabei haben. Jeder hat andere Aufgaben übernommen, und es ist entscheidend für das Gelingen, dass diese Verabredungen eingehalten werden.

Wenn die Gruppen bei Vereinsfesten, Kindergärten oder Schulen auftreten, müssen sie dort mit den Erwachsenen verhandeln und Vereinbarungen treffen. Dabei gilt es z. B. zu klären, was sie dafür bekommen und wie sie das Geld unter sich verteilen. Dafür ist es nötig, die eigenen Interessen zu klären und sie dann auch zu vertreten. Das hat viel damit zu tun, sich in der Welt der Erwachsenen zu behaupten, Kompromisse zu schließen und auf Unerreichbares verzichten zu lernen. Das Ganze findet einen Höhepunkt darin, wenn ältere Zirkusmitglieder im Zirkusverein im Vorstand mitarbeiten, sich in die Finanzverwaltung einarbeiten oder die Programmgestaltung und die Weiterentwicklung des Zirkus mitbedenken. Dabei betreten sie eine Ebene, in der es darum geht, eine Organisation zu führen und weiterzuentwickeln. Jugendliche, die in Zirkusprojekten solche Organisations-Erfahrungen gemacht haben, gehen später in ihrem Arbeitsleben in ein Unternehmen und sind in der Lage, Verantwortung zu übernehmen und sich in Führungspositionen oder auch als Teammitglieder zu bewähren.

Auftreten vor Publikum

Volkstanz

Zirkusaufführungen sind einerseits ein Spiel, aber dadurch, dass jeder am Ende vor dem Publikum stehen und sich bewähren muss, entsteht eine ernste und reale Situation. Denn man kann sich dabei blamieren, und das erzeugt Druck! Auftritte sind deshalb Momente der Bewährung, in denen das Spiel zum Ernst des Lebens wird. Die mögliche soziale Blamage ist real, ebenso wie auch die soziale Anerkennung durch erfolgreiche Aktionen. Auftritte werden deshalb von den Kindern und Jugendlichen als eine große Herausforderung erlebt. Das ist die Chance von Zirkusprojekten. Man spielt und trainiert nicht nur für sich und irgendwann ist es fertig. Sondern es geht auf einen Höhepunkt zu und dieser Höhepunkt ist so herausfordernd, dass in der Gruppe oft bei allen ungeahnte Kräfte wachgerufen werden. Der Aufführungstermin bewirkt meistens einen gewaltigen Motivationsschub.

Sozial geschieht dabei sehr viel. Einerseits ist die Frage von Neid und Konkurrenz immer mehr oder weniger offen vorhanden. Andererseits wirken Zirkusaufführungen nicht nur durch einzelne Glanznummern. Auch das Ganze muss stimmen. Das bewirkt, dass alle gemeinsam einen guten Auftritt haben wollen. Dabei werden wichtige Erfahrungen in der Auseinandersetzung mit den eigenen egoistischen Motiven und den Zielen der ganzen Gruppe gemacht. Der Einzelne lernt, sich als Teil des Ganzen zu sehen. Das erzeugt einerseits Bescheidenheit, andererseits wird die Energie der ganzen Gruppe als eigene Energie erlebt.

Zirkusaufführungen als soziales Kunstwerk

Auszug beim Finale

In einem gewissen Sinn sind Zirkusprojekte soziale Kunstwerke, in denen nicht nur spielerisch-artistische, sondern auch pädagogische, organisatorische und psychosoziale Prozesse mit Phantasie und Einfallsreichtum gestaltet werden. Bei den Kindern und Jugendlichen prägen sich nicht nur ihre persönlichen Auftritte tief ein, sondern auch das Erleben der ganzen Zirkusgemeinschaft und der Zirkusatmosphäre. Dabei werden alle äußeren Aktivitäten von der Freude und Begeisterung für die gemeinsame Sache überstrahlt. Diese positiven Gefühlserlebnisse sind ein wichtiger "Schatz" für das spätere Leben. Sie können bewirken, dass auch später im Berufsleben ähnliche Situationen gesucht oder angestrebt werden. Das ist wichtig, denn die Qualität des menschlichen Zusammenlebens und Zusammenarbeitens wird in Zukunft entscheidend von Menschen abhängen, die fähig und motiviert sind, soziale Prozesse kompetent zu gestalten.

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